HowToDigital: Forschung zeigt, wie’s geht

Online-Terminvergabe, elektronische Patientenakte, E-Rezepte und Videosprechstunden: Digitale Lösungen haben Einzug in die meisten Arztpraxen und Krankenhäuser gehalten. Das Projekt zeigt, warum digitale Lösungen ihr Potenzial in der Praxis oft noch nicht entfalten und welche Kompetenzen für ihren erfolgreichen Einsatz erforderlich sind.

Mann zeigt sprechend auf großen Monitor.

Digitale Technologien können die medizinische Versorgung erleichtern und verbessern – dazu ist aber auch die Vermittlung von digitaler Kompetenz entscheidend, um sie sinnvoll nutzen zu können. Bildquelle: © Prof. Dr. Manuel Trenz

Digitale Technologien gehören in den meisten Arztpraxen und Krankenhäusern inzwischen zum Alltag. Viele Prozesse lassen sich mit digitalen Lösungen erleichtern und beschleunigen und können so zu einer Entlastung des medizinischen Personals beitragen. Auch in der medizinischen Versorgung bietet die Digitalisierung wichtige Vorteile: Entsprechende Technologien, bspw. die elektronische Patientenakte oder Bildanalysesysteme gestützt mit künstlicher Intelligenz, ermöglichen eine engere und unkomplizierte Zusammenarbeit zwischen Behandelnden verschiedener Disziplinen aus dem ambulanten und stationären Bereich – zum Wohl von Patientinnen und Patienten.

Tatsächlich aber bleibt die Nutzung solcher Technologien in der Praxis oft hinter ihren Möglichkeiten zurück. Denn es braucht nicht nur sichere Anwendungen, sondern auch digitale Kompetenz auf Seiten der Ärztinnen und Ärzte sowie des weiteren Fachpersonals. Die Unterstützung beim Erwerb entsprechender Fähigkeiten ist Ziel des Projekts HowToDigital, das der Innovationsausschuss beim Gemeinsamen Bundesausschuss (G‑BA) mit insgesamt 800.000 Euro fördert. Neben den Universitäten Göttingen, Paderborn und Köln sowie der Deutschen Röntgengesellschaft sind auch die gematik, die AOK Sachsen-Anhalt, die Techniker Krankenkasse sowie die Kassenärztliche Vereinigung Hamburg am Projekt beteiligt.

Chancen nutzen – Herausforderungen verstehen

„Digitalkompetenz im Gesundheitswesen bedeutet nicht, jede Software im Detail zu beherrschen“, betont Projektleiter Professor Dr. Manuel Trenz von der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Göttingen. Entscheidend sei, dass Fachkräfte in der Lage sind, Nutzen, Risiken und Grenzen digitaler Technologien zu verstehen und sie reflektiert in ihre Arbeit zu integrieren.

„Die bisherigen Erfahrungen zeigen deutlich, dass digitale Systeme im Gesundheitswesen häufig nicht intuitiv bedienbar sind, unzureichend eingeführt werden und dadurch große Frustration bei den Beschäftigten erzeugen“, beschreibt Trenz. Nicht gedeckter Schulungsbedarf und knappe zeitliche Ressourcen für eine umfassende Einarbeitung führten dazu, dass digitale Lösungen von den Nutzenden oftmals eher als zusätzliche Belastung empfunden werden. Diese Faktoren gelte es zu verstehen, um die Chancen der Digitalisierung besser nutzen zu können.

„Durch ein vom Innovationsausschuss beim G-BA gefördertes Projekt bietet sich uns die größte Chance und der größte Hebel, tatsächliche Verbesserungen in der Digitalisierung des Gesundheitswesens anzustoßen. Es bietet die Möglichkeit der direkten Verknüpfung von Wissenschaft und Versorgung und das Potenzial für eine Breitenwirkung.“

Projektleiter Professor Dr. Manuel Trenz

Prof. Dr. Manuel Trenz in dunkelblauem Sakko.

© Prof. Dr. Manuel Trenz

Kompetenzmodell ermöglicht praxisnahe Fortbildung

Auf der Grundlage von Workshops, Interviews und bestehenden Qualifizierungsansätzen entwickelt das Forschungsteam aktuell ein sogenanntes Kompetenzmodell. Damit können bestehende und benötigte Fähigkeiten der Nutzerinnen und Nutzer ganz individuell erfasst und eingeordnet werden. Zu den angestrebten Fähigkeiten gehört zum Beispiel, dass das medizinische Personal Problemlöse-, Daten- und Informationskompetenz besitzt und über das nötige Wissen um digitale Kommunikation sowie Datenschutz verfügt.

Nach dem HowToDigital-Modell erstellte Kompetenzprofile der Anwenderinnen und Anwender sollen in praxisnahe Fortbildungskonzepte zum Aufbau der benötigten digitalen Kompetenzen einfließen.

Nutzerorientierte Anwendungen verbessern die Versorgung

Eine beschleunigte Digitalisierung in der Gesundheitsversorgung kann nur gelingen, wenn die Anwenderinnen und Anwender digitale Technologien effektiv und sicher in ihren Versorgungsalltag einbinden können – und schon bei deren Entwicklung eng eingebunden werden. Auch das ist aktuell noch ein Hindernis: Software-Hersteller haben oft vor allem regulatorische Vorgaben und weniger den Versorgungsalltag im Blick.

Die Forschenden bei HowToDigital fordern daher einen Paradigmenwechsel: Anstatt rein technischer Lösungen brauche es einen Entwicklungsansatz, der bei den konkreten Bedarfen der Nutzerinnen und Nutzer im Gesundheitswesen ansetzt. „Durch die gezielte Einbindung der Nutzerinnen und Nutzer in die Entwicklung der digitalen Lösungen und die Befähigung, diese Lösungen anzuwenden, kann die Akzeptanz und die effektive Nutzung von digitalen Anwendungen in der Praxis erhöht werden“, erklärt Trenz das Ziel der Projektarbeiten.

„Unsere Halbzeitbilanz zeigt deutlich: Wir müssen Digitalkompetenzen breit denken – weg vom reinen Technik-Know-how, hin zu Haltung, Reflexionsfähigkeit und strukturierten Lernprozessen“, so Trenz. „Wer mehr versteht, kann fundierter mitgestalten; wer ernsthaft eingebunden wird, ist motivierter, sich neues Wissen anzueignen.“

Stand: 16.02.2026