Gruppentherapien in der Heilmittelbehandlung als Chance

Mit dem steigenden Bevölkerungsanteil älterer Menschen wächst der Bedarf an Heilmittelbehandlungen – und die Wartezeit auf einen freien Therapieplatz. Mit Gruppentherapien kann dieser Herausforderung begegnet werden.

Physiotherapie, Ergotherapie oder die in der Logopädie verortete Stimm-, Sprech-, Sprach- und Schlucktherapie (SSSST): All das sind Heilmittel, die Patientinnen und Patienten ärztlich verordnet werden können. In Deutschland werden diese Behandlungen fast ausschließlich als Einzeltherapie verordnet. Der Knackpunkt dabei wie es auch im Bundesbericht zu den GKV-Heilmitteln von 2025 dargestellt wird: Angesichts eines steigenden Bedarfs an Heilmitteln bei gleichzeitig zunehmenden Fachkräftemangel – und damit verbundenen sinkenden oder stagnierenden Therapiekapazitäten – wird es immer schwieriger, Patientinnen und Patienten zeitgerecht diese medizinischen Leistungen anbieten zu können. Ein Ansatz, um dieser Herausforderung zu begegnen: Gruppentherapien. Laut Heilmittel-Richtlinie sollen sie auch jetzt schon vorrangig vor Einzeltherapien verordnet werden, sofern keine medizinischen Gründe dagegensprechen.

Das übergeordnete Ziel von Gruppentherapien ist daher, die vorhandenen Ressourcen besser zu nutzen, verfügbare Kapazitäten zu erweitern und gleichzeitig Therapieerfolge durch Gruppenmotivation, Erfahrungsaustausch und ein Zugehörigkeitsgefühl fördern. Laut dem Bundesbericht zu den GKV-Heilmitteln von 2025 spielen Gruppentherapien bislang aber nur eine vergleichsweise geringe Rolle: In der Physiotherapie lag ihr Anteil zwischen Januar und September 2025 bei weniger als 0,1 Prozent, in der Ergotherapie bei 1,6 Prozent und in der SSSST sogar nur bei 0,5 Prozent. Warum die Nutzung so gering ausfällt, wurde bisher kaum wissenschaftlich untersucht.

PRIMAS untersucht Potenziale von Gruppentherapien

Hier setzt das Forschungsprojekt PRIMAS („Potenziale von Gruppensettings in der Heilmittelversorgung und Möglichkeiten der digitalen Umsetzung“) an. Das Projekt ist im April 2025 gestartet und wird für 36 Monate mit insgesamt rund 1,4 Millionen Euro durch den Innovationsausschuss beim Gemeinsamen Bundesausschuss gefördert.

Die Forschenden wollen herausfinden, wie Gruppentherapien und auch digitale Therapien in den drei Heilmittelbereichen Physiotherapie, Ergotherapie und SSSST künftig besser genutzt werden können. Im ersten Schritt haben die Projektbeteiligten eine systematische Auswertung der internationalen wissenschaftlichen Literatur vorgenommen. „Erste Ergebnisse zeigen, dass Gruppentherapien ähnlich wirksam sein können wie Einzeltherapien. Für viele Behandlungen konnten keine signifikanten Unterschiede festgestellt werden“, sagt Projektleiterin Dr. Anna Bußmann vom Essener Forschungsinstitut für Medizinmanagement GmbH. „Allerdings besteht insbesondere für Ergotherapie, SSSST und digitale Anwendungen noch weiterer Forschungsbedarf.“

„Besonders hervorheben möchte ich das Konsortial- und Kooperationsteam, das an diesem Projekt zusammenwirkt. Die vielen komplexen und zum Teil parallelen Arbeitsschritte sind nur möglich dank eines gut durchdachten und strukturierten Projektablaufs in Verbindung mit einem engen Austausch.“

Projektleiterin Dr. Anna Bußmann

Portraitfoto von Dr. Anna Bußmann

© Dr. Anna Bußmann

Interviews mit Ärztinnen und Ärzten, Therapeutinnen und Therapeuten sowie Patientinnen und Patienten sollen dem PRIMAS-Team weitere Erkenntnisse aus der Versorgungspraxis liefern. Sie werden benötigt, um möglichst zielgruppenspezifische Fragebögen zu erstellen. Mit diesen soll in der zweiten Jahreshälfte 2026 eine quantitative Befragung von 6.900 Ärztinnen und Ärzte, 3.450 Heilmittelerbringende und 6.900 Patientinnen und Patienten starten.

Gruppentherapien und digitale Angebote bislang kaum genutzt

Erste Auswertungen der bereits geführten Interviews zeigen, dass die Befragten nur wenig über Gruppentherapien und digitale Angebote wissen. Gleichzeitig wurden unterschiedliche Erwartungen und Vorbehalte bei den verschiedenen Personengruppen sichtbar, die bei der quantitativen Befragung berücksichtig werden müssen. Um einen Gesamtüberblick zu erhalten, analysiert das Forschungsteam derzeit Routinedaten der Techniker Krankenkasse, die sich als Konsortialpartner an PRIMAS beteiligt. Dabei sollen u. a. für die drei Heilmittelbereiche sowohl das Verordnungs- und Nutzungsverhalten von (digitalen) Gruppentherapien im Vergleich zu (digitalen) Einzeltherapien sowie die Kostenunterschiede der verschiedenen Therapieansätze untersucht werden.

Zusammenarbeit bringt Praxiswissen direkt ins Projekt

„Eine besondere Stärke des Projekts ist die enge Zusammenarbeit der drei Hauptzielgruppen: Patientinnen und Patienten, Therapeutinnen und Therapeuten sowie Ärztinnen und Ärzte“, bemerkt Bußmann. Vertreten werden die Beteiligten durch verschiedene Selbsthilfeorganisationen, Berufsverbände und medizinische Einrichtungen. „So fließen praktische Erfahrungen und unterschiedliche Perspektiven direkt in unsere Arbeit ein und wir können relevante Anforderungen und Fragestellungen aus der Praxis gezielt berücksichtigen“, so Bußmann.

Ein praxisnahes Konzept für die Regelversorgung

Das Ziel der Forschenden ist klar definiert: Am Ende der dreijährigen Projektlaufzeit wollen sie Handlungsempfehlungen sowie zentrale Erfolgsfaktoren für eine stärkere Einbindung und bessere Nutzung von (digitalen) Gruppentherapien in der Heilmittelversorgung vorlegen. In einem gemeinsamen Workshop mit Krankenkassen, Patientinnen- und Patientenvertretern, Ärztinnen und Ärzten, Therapeutinnen und Therapeuten sowie gesundheitspolitischen Entscheidungsträgern sollen diese Empfehlungen weiterentwickelt und in ein praxisnahes und gut umsetzbares Konzept überführt werden, wie sich (digitale) Gruppentherapien in die Breite bringen lassen – und die Versorgung von Patientinnen und Patienten langfristig verbessern.

Stand: 28.07.2026