PrioPEG: Gruppenangebote im Heilmittelbereich schließen Lücken

Trotz therapeutischer Vorteile gibt es laut der GKV-Heilmittel-Schnellinformation von 2023 in Deutschland nur wenig Gruppenangebote in der Physio- und Ergotherapie. Durch ein Umdenken könnten angesichts des steigenden Fachkräftemangels Versorgungslücken geschlossen und lange Wartezeiten verkürzt werden.

Aktuell werden physio- und ergotherapeutische Leistungen in Deutschland überwiegend in Einzeltherapie durchgeführt – obwohl Gruppentherapien laut einer Studie von Haslam et al. von 2023 in der Fachzeitschrift „Disability and Rehabilitation“ bei einigen Indikationen sogar Vorteile haben. In der Gruppe können Betroffene sich gegenseitig unterstützen: aufgrund eigener Erfahrungen, durch Ermutigung und den Austausch bewährter Strategien im Umgang mit der jeweiligen Erkrankung. Auch könnten Gruppenangebote Wartezeiten verkürzen, Fachkräfte entlasten und im Gesundheitssystem entstehende Kosten senken. Mehr noch: Telefähige Gruppenangebote könnten die Unterversorgung mit Therapieplätzen im ländlichen Raum oder bei eingeschränkter körperlicher Mobilität der Patientinnen und Patienten sowie bei langen Anfahrtswegen verringern.

Hürden identifizieren, Umsetzung erleichtern

Genau hier setzt das Projekt PrioPEG (Prioritär umsetzbare Physio- und Ergotherapeutische Gruppentherapien) an. Das Team unter Leitung von Dr. Sebastian Voigt-Radloff vom Universitätsklinikum Freiburg entwickelt einen praxisnahen Leitfaden, der die Umsetzung von Gruppentherapien erleichtern soll. PrioPEG wird bis 2027 mit insgesamt rund 870.000 Euro durch den Innovationsausschuss beim Gemeinsamen Bundesausschuss gefördert.

„Der Innovationsfonds hebt sich von anderen Fördergebern ab, da er u. a. gezielt wertvolle Programme für Heilmittelerbringer veröffentlicht und wegweisende Projekte zur Re-Organisation der Versorgung aktiv unterstützt.“

Projektleiter Dr. Sebastian Voigt-Radloff

Portraitfoto von Dr. Sebastian Voigt-Radloff

© Dr. Sebastian Voigt-Radloff

Die am Projekt beteiligten Forschenden wollen bestehende Hürden identifizieren und abbauen – und Gruppenangebote für bestimmte Krankheitsbilder niederschwellig und effektiv in die breite Versorgungspraxis bringen. „Von zehn Erkrankungen, für die Physio- oder Ergotherapie besonders häufig verordnet wird, haben wir vier Indikationen genauer untersucht, bei denen Gruppentherapien sinnvoll sind“, erläutert Projektleiter Dr. Voigt-Radloff. „Physiotherapie beispielsweise kann bei Rückenschmerzen und Mobilitätsstörungen wirksam auch in der Gruppe angeboten werden, gleiches gilt für Ergotherapie bei Depressionen und Multipler Sklerose.“ Zusätzlich zu diesen Untersuchungen befragt das Projektteam rund 100 Therapeutinnen und Therapeuten sowie 300 Patientinnen und Patienten zu ihren Erfahrungen mit solchen Gruppenangeboten. Mit Blick auf die Versorgung im ländlichen Raum bewerten die Forschenden zudem, welche der identifizierten Gruppentherapien telemedizinisch umsetzbar sind.

Vom Konzept in die Praxis

Die Erkenntnisse aus diesen Befragungen und Analysen tragen die Forschenden in einem Implementierungsleitfaden für Therapeutinnen und Therapeuten zusammen. Der Leitfaden soll bei der Entscheidung unterstützen, für welche Erkrankungen Gruppenangebote sinnvoll sind – und wie eine Umstellung von Einzel- auf Gruppentherapie konkret umgesetzt werden kann. Er wird in analogen und digitalen Settings in jeweils drei Ergo- und Physiotherapiepraxen anhand von sechs Anwendungsfällen evaluiert. „Nach dem Probelauf wollen wir Behandelnde sowie Patientinnen und Patienten erneut befragen, um den Leitfaden weiterzuentwickeln“, so Voigt-Radloff.

Gemeinsam für die Praxis: Projektbeirat unterstützt PrioPEG

Das Projekt wird von einem Beirat begleitet, in dem Betroffene, Berufsverbände, wissenschaftliche Gesellschaften der Physio- und Ergotherapie sowie der Allgemeinmedizin und Krankenkassen vertreten sind. „Das Besondere an PrioPEG ist, dass wir direkt mit der Versorgungspraxis arbeiten“, erläutert Projektleiter Dr. Voigt-Radloff. Neben den evidenzbasierten Effekten von Gruppentherapien gehe es bei der Umsetzung vor allem um praktische Barrieren, was zum Beispiel Räumlichkeiten, Terminplanung, Finanzierung und Erreichbarkeit angeht. „Wichtig ist es natürlich auch, Kompetenzen bei der Gruppenleitung aufzubauen und dass die Angebote von Patientinnen und Patienten und den verordnenden Leistungserbringern akzeptiert werden“, so Voigt-Radloff. „Lösungen hierfür zu finden, ist herausfordernd – aber durch die enge Zusammenarbeit mit dem Beirat effektiv möglich.“

In der Schlussphase des Projekts wird das PrioPEG-Team eine Tool-Box erstellen, die eine datenbasierte Priorisierung von Gruppentherapien ermöglicht. Der Leitfaden und die Tool-Box sollen über ein Online-Portal interessierten Therapiepraxen und Berufsverbänden zur Verfügung gestellt werden. „So wollen wir die nachhaltige Nutzung des Leitfadens sicherstellen und eine Anpassung für weitere Diagnosefelder ermöglichen“, so Voigt-Radloff.

Stand: 28.07.2026